Blick von der Volkshochschule zum Neufahrner Rathaus

Blog 5 - Manchmal beginnt Zusammenhalt mit einem Blumenbeet


Über eine verpasste Verabredung, ein großes Herz und die Frage, was unsere Gemeinde wirklich ausmacht.

Liebe Neufahrnerinnen und Neufahrner,

woran erkennt man eigentlich eine gute Gemeinde?

An soliden Finanzen, modernen Schulen, bezahlbarem Wohnraum oder einer funktionierenden Infrastruktur? Natürlich ist all das wichtig. Und die Herausforderungen, vor denen wir in Neufahrn stehen, sind groß. Aber ich glaube, es gibt noch einen anderen, vielleicht sogar wichtigeren Maßstab:

Eine Gemeinde zeigt ihre wahre Stärke nicht nur darin, was sie erreicht, sondern vor allem darin, wie sie mit den Menschen umgeht, die es im Leben besonders schwer haben.

Dazu möchte ich Ihnen heute eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die mit einem kleinen Blumenbeet beginnt, für ein herzliches Lachen sorgt und schließlich zu einer Idee führt, die mich persönlich sehr berührt hat.

Ein kleines Blumenbeet mit großer Wirkung

Vor einiger Zeit erfuhr ich von einem obdachlosen Mitbürger, der vor seiner Unterkunft ein wunderschönes Blumenbeet angelegt hatte. Liebevoll bepflanzt, dekoriert und gepflegt. Auch die Straße zu seiner Unterkunft hatte er eigenständig saubergemacht. Das hat mich beeindruckt.

Da ist ein Mensch, dessen Lebensumstände alles andere als einfach sind, der selbst Unterstützung benötigt und trotzdem Verantwortung für sein Umfeld übernimmt. Er hat vielleicht kein eigenes Zuhause. Aber er trägt dazu bei, dass ein Stück unserer Gemeinde schöner wird.

Ich wollte mich persönlich bedanken und lud ihn zum Mittagessen in ein Restaurant am Marktplatz ein. Wir verabredeten uns. Ich kam pünktlich, setzte mich und wartete. Fünf Minuten, zehn Minuten, fünfzehn Minuten. Niemand kam. Ich suchte noch vor dem Restaurant, versuchte ihn anzurufen – vergeblich.

Also aß ich alleine und ging zurück ins Rathaus.

Dort erfuhr ich von meiner Assistentin, dass sich unser Mitbürger inzwischen gemeldet hatte.

Er war tatsächlich im Restaurant gewesen! Allerdings hatte er sich zu einem Herrn gesetzt, der mit seiner Frau zu Mittag aß. Dieser sah mir offenbar so ähnlich, dass unser Mitbürger überzeugt war, beim Bürgermeister zu sitzen. 

Während ich also auf meinen Gast wartete, hatte mein Gast seinen Bürgermeister längst gefunden. Nur eben den falschen. Wir mussten herzlich lachen und vereinbarten einen neuen Termin. Diesmal hoffentlich mit dem richtigen Bürgermeister. Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende.

Ein Gespräch, das mich berührt hat

Etwa eine Woche später war ich mit meiner Familie in einem Restaurant essen. Der Besitzer ist ein guter Freund von mir.

Wir sprachen über unsere Kindheit und stellten fest, dass wir beide aus einfachen Verhältnissen stammen. Unsere Familien konnten sich früher vieles nicht leisten. Und trotzdem waren wir glücklich. Vielleicht gerade deshalb, weil wir früh gelernt haben, dass Glück nicht unbedingt vom Geld abhängt, sondern von Familie, Gemeinschaft und Menschen, auf die man sich verlassen kann.

Irgendwann erzählte ich ihm die Geschichte unseres obdachlosen Mitbürgers. Er hörte zu, schaute mich an und sagte: „Ozan, was hältst du davon, wenn ich vor Weihnachten alle obdachlosen Menschen aus Neufahrn mit ihren Familien zum Essen einlade? Ich schließe mittags mein Restaurant und koche nur für sie.“

Für einen Moment fehlten mir die Worte. Und das kommt bekanntlich nicht allzu oft vor. Ich merkte, wie mir die Augen feucht wurden. Da war jemand, der nicht lange über gesellschaftliche Verantwortung sprach, sondern einfach etwas Gutes tun wollte. Ohne Gegenleistung, ohne große Bühne. Einfach aus Menschlichkeit.

Ich sagte ihm, wie wunderbar ich diese Idee finde, und versprach: „Wenn du für diese Menschen kochst, dann werde ich ihnen persönlich das Essen servieren.“ Und genau so wollen wir es machen.

Eine soziale Gemeinde ist keine Selbstverständlichkeit

Natürlich löst ein gemeinsames Mittagessen keine Obdachlosigkeit. Es ersetzt weder Wohnraum noch soziale Unterstützung oder langfristige Perspektiven.

Aber es kann etwas geben, das wir manchmal unterschätzen: das Gefühl, gesehen zu werden, dazuzugehören und als Mensch wertgeschätzt zu werden.

Wer in schwierigen Verhältnissen lebt, verliert nicht seine Würde. Wer Hilfe benötigt, verliert nicht seinen Wert. Und wer im Leben auf der Schattenseite steht, sollte niemals das Gefühl bekommen, auch am Rand unserer Gesellschaft stehen zu müssen.

Ich wünsche mir ein Neufahrn, das wirtschaftlich stark ist, sich weiterentwickelt und mutig in die Zukunft blickt. Aber genauso wünsche ich mir eine Gemeinde, die ihr Herz nicht verliert. In der wir nicht nur fragen, was ein Mensch leistet, sondern auch sehen, was er gerade durchmacht. In der wir nicht vorschnell urteilen, sondern zuhören. Und in der diejenigen, denen es gut geht, nicht vergessen, woher sie kommen.

Am Ende zählt der Mensch

Vielleicht sollten wir uns alle gelegentlich eine einfache Frage stellen: Wenn es mir morgen nicht mehr so gut ginge wie heute – in welcher Gesellschaft würde ich leben wollen?

In einer, die wegschaut? Oder in einer, in der jemand die Tür öffnet, einen Platz am Tisch anbietet und sagt: Schön, dass du da bist. Für mich ist die Antwort klar: Als Bürgermeister möchte ich Neufahrn voranbringen, Herausforderungen lösen und Zukunft gestalten. Aber bei allem, was wir planen, bauen und entscheiden, dürfen wir eines niemals vergessen:

Eine Gemeinde ist nicht deshalb stark, weil niemand Hilfe braucht. Sie ist dann stark, wenn Menschen, die Hilfe brauchen, darauf vertrauen können, nicht alleine gelassen zu werden.

Ich bin dankbar, dass es bei uns Menschen gibt, die genau das leben. Menschen, die nicht nur an sich denken, sondern auch an andere. Denn gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht allein durch politische Beschlüsse. Er entsteht durch unser tägliches Handeln. Und manchmal beginnt eine große Geste der Menschlichkeit ganz klein.

Mit ein paar Blumen, einem offenen Herzen und einem zusätzlichen Platz am Tisch.

Herzliche Grüße

Ihr Ozan Iyibas
Erster Bürgermeister 

P. S.: Auf das gemeinsame Weihnachtsessen freue ich mich schon heute. Und bei meiner nächsten Verabredung werde ich vorsichtshalber darauf achten, dass mein Gast auch wirklich beim richtigen Bürgermeister sitzt. 

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