Blick von der Volkshochschule zum Neufahrner Rathaus

Blog 4 -  Wenn das Amt mit am Tisch sitzt


Es gibt Gespräche als Bürgermeister, da sitzt man zusammen, findet schnell eine Lösung, gibt sich die Hand – und alle gehen zufrieden auseinander.

Und dann gibt es die anderen.

Gespräche, bei denen Interessen aufeinanderprallen. Bei denen ein Verein etwas anderes erwartet als die Gemeinde. Ein Unternehmer eine Entscheidung nicht nachvollziehen kann. Oder ein Bürger mit einer klaren Meinung ins Rathaus kommt – und mit einer noch klareren wieder hinausgeht.

Das gehört dazu. Und manchmal wird es besonders interessant: nämlich dann, wenn mir mein Gegenüber nicht fremd ist, sondern jemand, den ich seit Jahren kenne.

Neufahrn ist meine Heimat. Ich bin hier aufgewachsen, lebe hier und kenne entsprechend viele Menschen persönlich. Das ist für einen Bürgermeister ein großes Geschenk. Manchmal macht es die Sache aber auch komplizierter.

Denn sobald ein Gespräch dienstlich wird, sitzt plötzlich noch jemand mit am Tisch: das Amt.

Und das verändert die Rollen.

Ein Freund oder Bekannter darf von mir als Bürgermeister nicht anders behandelt werden als jemand, den ich zum ersten Mal sehe. Nicht besser - aber eben auch nicht schlechter. Das klingt selbstverständlich. In der Praxis bedeutet es manchmal, persönliche Beziehungen für eine Stunde bildlich gesprochen an der Garderobe abzugeben.

Das ist nicht immer leicht.

Ich habe aber gelernt: Wenn beide Seiten wissen, welche Rolle gerade gefragt ist, funktioniert es erstaunlich gut. Dann kann man hart in der Sache diskutieren und trotzdem fair im Ton bleiben. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, ohne sich persönlich voneinander zu entfernen.

Und nach einem kontroversen Gespräch?

Dann darf aus dem „Herrn Bürgermeister“ auch wieder der Ozan werden. Und wenn man sich beim nächsten Fest begegnet, kann man trotzdem gemeinsam ein Bier trinken. Vielleicht sogar gerade deshalb.

Denn Demokratie im Kleinen bedeutet für mich nicht, dass wir immer einer Meinung sind. Sie zeigt ihre Stärke vielmehr darin, wie wir miteinander umgehen, wenn wir es nicht sind.

Das gilt auch für Kritik.

Konstruktive Kritik wünsche ich mir ausdrücklich. Sie zeigt mir andere Perspektiven und hilft dabei, Entscheidungen zu hinterfragen. Und ja: Es gibt auch Kritik, die weniger konstruktiv formuliert ist. Auch damit muss ein Bürgermeister umgehen können.

Das musste ich selbst lernen.

Nicht jede Kritik an einer Entscheidung ist Kritik an Ozan Iyibas. Nicht jeder Ärger über die Gemeinde richtet sich gegen den Menschen, der gerade am Schreibtisch des Bürgermeisters sitzt.

Manchmal trifft einen trotzdem etwas. Schließlich gibt man mit dem Amt nicht seine Gefühle an der Rathaustür ab.

Aber ich stelle mir inzwischen eine einfache Frage:

Wen meint die Kritik gerade - Ozan oder den Bürgermeister?

Diese kleine gedankliche Trennung hilft mir sehr. Denn ein Amt braucht Nähe zu den Menschen, aber manchmal auch die notwendige innere Distanz, um gerecht entscheiden zu können.

Vielleicht ist die Bürgermeisterkette dafür ein schönes Bild. Bei offiziellen Anlässen trage ich sie sichtbar um den Hals. Danach kommt sie wieder in den Schrank.

Mit der Verantwortung funktioniert das leider nicht ganz so einfach.

Sie begleitet mich auch ohne Kette. Beim Einkaufen, auf Vereinsfesten, beim Spaziergang durch den Ort und manchmal sogar bei einem privaten Gespräch. Deshalb muss ich immer wieder bewusst unterscheiden: Wo endet das Amt - und wo beginnt der Mensch?

Eine endgültige Antwort darauf habe ich nach den ersten Monaten im Amt noch nicht gefunden. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht.

Aber eines habe ich verstanden:

Ein Bürgermeister muss manchmal Abstand halten, um gerecht zu sein. Er darf dabei aber niemals die Nähe zu den Menschen verlieren.

Denn am Ende braucht eine Gemeinde keinen Bürgermeister, der immer recht hat. Sie braucht einen Menschen, der zuhört, Verantwortung übernimmt und auch nach einem schwierigen Gespräch noch die Hand reichen kann.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Kette, die ein Bürgermeister trägt: die Verbindung zu den Menschen.

Ihr Ozan İyibas
Erster Bürgermeister

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